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Die historische Entwicklung des Schlagzeugs: 19. bis Anfang 20. Jahrhundert

Die historische Entwicklung des Schlagzeugs: 19. bis Anfang 20. Jahrhundert

Von der Orchestermusik zum Ragtime

 

Vor der Entstehung des Schlagzeugs, wie man es heute kennt, wurden Trommeln und Becken, welche in der Militär- und Orchestermusik verwendet wurden, von mehreren Schlagzeugern getrennt gespielt. Wenn eine Partitur zum Beispiel Bassdrum, Triangel und Becken erforderte, dann wurden drei Schlagzeuger engagiert, um diese Instrumente zu spielen.
In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts begannen Schlagzeuger mit den ersten Fußpedalen zu experimentieren, um mehrere Instrumente gleichzeitig spielen zu können. Diese ersten Pedale sollten jedoch erst 75 Jahre später in Serie hergestellt werden.
In den 1860er Jahren begannen Schlagzeuger mehrere Trommeln zu einem Set zu kombinieren. Die Bassdrum, die Snaredrum, die Becken und andere Schlaginstrumente wurden alle durch Drumsticks mit den Händen gespielt.

Schlagzeuger in Musiktheater- und Bühnenshows, bei denen das Budget oft sehr begrenzt war, trugen zur Entwicklung des Schlagzeugs bei, indem sie Techniken und Geräte entwickelten, mit denen sie die Rollen mehrerer Schlagzeuger abdecken konnten.
Das sogenannte „Double-Drumming“ wurde entwickelt, um einer Person das Spielen von Bassdrum und Snaredrum mit Drumsticks zu ermöglichen, während die Becken mit dem Fuß durch einen sogenannten „Low-Boy“ gespielt werden konnten. Der Low-Boy war der Vorgänger der heutigen Hi-Hat.

Während die Musik, welche die Schlagzeuger begleiteten zunächst noch sehr geradlinig klang und hauptsächlich für marschierende Soldaten gedacht war, entwickelte sich dies mit der Zeit weiter. Die Rhythmen wurden nun komplexer und synkopierter was zur Entstehung der Ragtime Musik führte. Die Musik bekam ein Swingfeel und regte zum Tanzen an.
Das Schlagzeug wurde ursprünglich als Trap Set bezeichnet und vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1930er Jahre wurden Schlagzeuger als Trap Drummer bezeichnet.

In den 1870er Jahren nutzten manche Schlagzeuger ein sogenanntes Überhangpedal mit der die Bassdrum gespielt wurde. Dies war der direkte Vorgänger des heutigen Bassdrumpedals. Die Bassdrum wurde damals entweder mit einem Überhangpedal, mit Sticks oder direkt mit dem Fuß angespielt (daher auch der Name Kickdrum).

 

Das erste Bassdrum Pedal

 

William F. Ludwig Sr. und sein Bruder Theobald Ludwig gründeten 1909 die Ludwig & Ludwig Co. und patentierten das erste kommerziell erfolgreiche Bassdrum-Pedalsystem, welches den Weg für das moderne Schlagzeug ebnete.
1912 wurden die ersten Schlagzeugbesen verwendet, da das Schlagzeug oft zu laut war und die anderen Instrumente übertönte.

Sticky Wicket, Schlagzeuger aus England, führt in diesem Youtube-Video einige dieser ersten Instrumente und Pedale vor:

 

Dixieland Jazz

 

Bis zum 1. Weltkrieg setzte sich das Schlagzeug aus Bassdrums aus der Militärmusik und verschiedenen Percussion-Instrumenten, welche auf der Bassdrum befestigt wurden, zusammen.
Das Schlagzeug wurde zum zentralen Bestandteil des Jazz, insbesondere des Dixieland.
Das moderne Schlagzeug entwickelte sich in der Vaudeville-Ära während der 1920er Jahre in New Orleans.
1917 veröffentlichte eine Dixieland Band aus New Orleans namens „The Original Dixieland Jazz Band“ mehrere Jazz-Stücke, welche landesweit Hits wurden. Es waren die ersten offiziellen Jazz-Aufnahmen. Schlagzeuger wie Baby Dodds, Zutty Singleton und Ray Bauduc, kombinierten die Marschrhythmen, welche aus Bassdrum und Snaredrum bestanden, mit Percussion-Instrumenten. Diese Percussion-Instrumente, bestehend aus kleinen Becken, Tom Toms, Cowbells und Woodblocks, wurden auch Traps genannt.
Diese Instrumente wurden nun im Ragtime-Stil verwendet, welcher schon seit einigen Jahrzehnten sehr populär war.
Wegen Budget-Kürzungen und auch zur Platzersparnis in Orchestergräben wurden Schlagzeuger dazu gezwungen mehrere Instrumente gleichzeitig zu spielen. Verschiedene Halterungen und Ständer aus Metall wurden verwendet um chinesische Tom Toms, sowie Becken zu befestigen. Die ersten Hi-Hat Ständer waren 1926 erhältlich.

 

Baby Dodds und Louis Armstrong

 

1918 trug der Schlagzeuger Baby Dodds, welcher damals mit Louis Armstrong spielte, zur weiteren Entwicklung des Schlagzeugs viel bei, indem er den Rand der Trommeln, statt Woodblocks verwendete. Außerdem spielte er die Becken mit Drumsticks, was damals noch nicht gang und gebe war. Weiters fügte er ein Becken über der Bassdrum hinzu, welches später als Ride-Becken bekannt wurde.
Der Schlagzeughersteller William Ludwig entwickelte eine niedrige-montierte Hi-Hat, nachdem er Baby Dodd´s Schlagzeugspiel beobachtete. Dodds beauftragte Ludwig die Hi-Hat höher zu positionieren, damit er sie auch mit den Drumsticks leicht spielen konnte.

 

Soundeffekte für Stummfilme

 

In den 1920er Jahren wurden Schlagzeuger auch engagiert, um Geräusche für Stummfilme zu produzieren.
Während der Stummfilme wurde ein Orchester als Begleiter engagiert, wobei der Schlagzeuger für alle Toneffekte verantwortlich war. Gewehrschüsse, Flugzeuge, Züge sowie galoppierende Pferde wurden so nachgeahmt. Ab 1930 waren jedoch sogenannte „Talkies“ (Filme mit Audio) populärer, welche aufgezeichnete Audioaufnahmen verwendeten.
Durch diesen technologischen Durchbruch wurden viele Schlagzeuger, welche als Soundeffektspezialisten tätig waren mit einem Schlag arbeitslos.
Ein vergleichbares Phänomen war in den 1980er Jahren zu beobachten, als elektronische Drum-Sequenzer populär wurden und Schlagzeuger im Studio ersetzten.

 

Die Entwicklung des Ride-Beckens

 

Gegen Ende der 1920er Jahre entstand die populärste Stilrichtung des Jazz, nämlich die Swing Ära, welche Ende der 1940er Jahre ihren Höhepunkt fand. Charakteristisch für den Swing ist das Ride-Becken Pattern, welches in Kombination mit dem Bass das Fundament für diesen Rhythmus bildet.
Die Marschrhythmen des Ragtime und New Orleans Jazz wurden durch das typische Ride-Becken Swing Pattern abgelöst.

Interessant ist auch diese Dissertation über die historische Entwicklung des Ride Cymbal Patterns von 1917 bis 1941 geschrieben von Colleen B. Clark an der Universität in North Texas:

https://digital.library.unt.edu/ark:/67531/metadc1505181/m1/8/

Kenny Clarke, Schlagzeuger und Pionier des Bebop Jazz, experimentierte in den frühen 1940er Jahren bei Jam Sessions in dem legendären New Yorker Jazz Club Mintons´s Playhouse mit dem Ride-Becken.
Zu diesem Zeitpunkt erreichte das Ride-Becken Swing Pattern seinen endgültigen Reifegrad und hat sich seitdem nicht wesentlich verändert.
Mit der Entstehung des Bebop Jazz Anfang der 1940er Jahre wurde die Snare Drum und Bassdrum nun als Begleitung und für Akzentuierungen verwendet, während der Hauptrhythmus auf dem Ride-Becken gespielt wurde.
Da zu Bebop Musik nicht getanzt wurde, experimentierte man auch mit höheren Tempi und die Rhythmik wurde wesentlich komplexer. Wichtige Musiker waren zu dieser Zeit der Saxophonist Charlie Parker, die Pianisten Bud Powell und Thelonious Monk, die Trompeter Dizzy Gillespie und Clifford Brown sowie die Schlagzeuger Max Roach und Art Blakey.

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